Arbeitswelten

Zu kostbar für die Kanalisation

Berlin will „Schwammstadt“ werden – also Regen nicht mehr ableiten, sondern halten und langsam versickern lassen. Dadurch können Dürreperioden besser ausgeglichen werden. Der Weg dahin führt vor allem über Entsiegelung von Flächen und grüne Dächer

Von Roland Knauer

Weitere Aussichten: Die seit Wochen anhaltende Dürre weicht in einigen Tagen Extrem-Niederschlägen. So ähnlich lauten nicht nur die Prognosen für den Klimawandel, sondern inzwischen manchmal auch die aktuellen Wettervorhersagen.

Auf den ersten Blick scheint gegen solche gegensätzlichen Wetterextreme kein Kraut gewachsen zu sein. Und doch gibt es ein gut wirkendes Gegenmittel: Wenn sich die Stadt ähnlich wie ein Wald oder ein Schwamm bei heftigem Regen mit Wasser vollsaugt und mit dem gespeicherten Nass später die Dürre mildert, puffern selbst Metropolen wie Berlin beide Extreme gleichermaßen. Die Bundeshauptstadt hat sich daher aus gutem Grund auf den Weg gemacht, der zu einer „Schwammstadt“ führt.

Denn nur so halten Siedlungen den riesigen Kreislauf des Wassers in Gang: Aus Ozeanen und Seen verdunstet überall auf der Welt Wasser, das die Luft als Feuchtigkeit weiterträgt. Irgendwann bilden sich Wolken, aus denen später Niederschlag fällt. Ein erheblicher Teil davon versickert, verschwindet als Grundwasser in der Tiefe, das später Bäche und Flüsse speist, die dann zum Meer fließen und so den Kreislauf schließen. Wasser bewegt sich also ständig, ist die Grundlage allen Lebens auf der Erde und spielt eine zentrale Rolle beim Klima, die ein Spaziergänger im Wald einfach beobachten kann: Dort mildert nämlich nicht nur der Schatten des Kronendachs die sommerliche Hitze, sondern auch die Verdunstung.

In einem aufwändigen „Photosynthese-Prozess“ fischen Pflanzen das Treibhausgas Kohlendioxid aus der Luft und stellen daraus Biomoleküle für ihren Eigenbedarf her. Für ein einziges dieser Treibhausgasmoleküle transportiert eine Pflanze bis zu tausend Moleküle Wasser von den Wurzeln bis zu ihren Blättern, aus denen dann große Mengen Wasser verdunsten. Damit aber befeuchten die Gewächse nicht nur die Luft, sondern kühlen gleichzeitig das Mikroklima der näheren Umgebung.

Sind weite Teile einer Stadt mit Beton und Asphalt versiegelt, sickert dort kaum Wasser in die Tiefe und in der kühlen Jahreszeit stockt der Kreislauf. Im Sommer dagegen holen die Bäume und andere Pflanzen das Wasser des letzten Regengusses rasch wieder aus dem Boden. Bringt der Klimawandel dann wie so oft in den vergangenen Jahren lange Trockenperioden, verdorren viele Pflanzen, die Verdunstung sinkt und die Temperaturen steigen weiter. Um das zu verhindern, müssen viele Städte mit Regenwasser anders als bisher umgehen.

Dieser Umstellung werden wohl viele Gullys in den Straßen der Stadt zum Opfer fallen. Leiten sie doch das eigentlich in der Stadt benötigte Regenwasser über die Kanalisation aus den Siedlungen heraus. Bei Starkregen aber kann das gerade in Städten wie Berlin, die mancherorts Abwasser und Regenwasser gemeinsam in einer Mischkanalisation abfließen lassen, zu erheblichen Problemen führen. Weil die Kläranlagen für solche Sintfluten nicht ausgelegt sind, müssen sie das durch Extremniederschläge verdünnte Abwasser unvollständig geklärt weiterleiten und überdüngen so die Umgebung. Obendrein fehlt bei der nächsten Trockenperiode dieses Regenwasser in der Stadt.

Der Kreislauf des Wassers
hält das Leben auf der Erde in Gang“

Um die Niederschläge zurück zu halten, darf bei Neubauten in Berlin bereits seit 2018 höchstens die Menge an Regenwasser vom Grundstück abgeleitet werden, die auch von einer unversiegelten Fläche abfließen würde. Bei neu zu bauenden Stadtquartieren, in denen jeweils ähnlich viele Menschen wie andernorts in einer Kleinstadt leben werden, darf von der gesamten Fläche überhaupt kein Wasser in die Umgebung gelangen. „Schließlich ist Regenwasser gerade in niederschlagsarmen Gegenden wie Brandenburg und Berlin viel zu schade für die Kanalisation und wird in der Stadt dringend gebraucht“, erklärt der Pressesprecher der Berliner Wasserbetriebe Stephan Natz.

Wichtiger Baustein einer solchen Schwammstadt sind Dächer, die dicht von Pflanzen bewachsen sind. Rund die Hälfte des Niederschlags wird von solchen Gründächern zurückgehalten und später von den Pflanzen verdunstet. Während Beton und Asphalt in der brennenden Sommersonne ähnlich wie der karge Boden einer Wüste kräftig aufheizen, die aufgenommene Energie nachts wieder abstrahlen und so die sonst übliche Abkühlung bis in die frühen Morgenstunden ausbremsen, senkt diese Verdunstung also die Temperaturen und verbessert damit das Klima in der Umgebung und in den Wohnungen unter dem Gründach spürbar.

Solche Dächer zahlen sich auch langfristig aus, da sie einerseits die Gebühren für das Einleiten von Regenwasser in die Kanalisation verringern und andererseits die Vegetation die Abdichtung des Dachs vor den Einflüssen der Witterung und der ultravioletten Sonnenstrahlung schützt. Dadurch aber hält ein solide ausgeführtes Gründach doppelt so lange wie herkömmliche Dächer. Seine Speicherkapazität lässt sich weiter steigern, wenn unter dem Substrat, in dem die Pflanzen wurzeln, noch Wasserbehälter aus stabilem Kunststoff eingebaut werden. Dadurch kann die Vegetation Dürreperioden viel länger trotzen, und gleichzeitig können solche Dächer auch Extremregen abpuffern: Gibt es eine Wetterwarnung vor solchen Sintfluten, kann das Wasser vor dem großen Regen abgelassen werden und im Boden versickern.

Gründächer lassen sich hervorragend mit Solaranlagen kombinieren, die sogar noch von der Verdunstungskühle durch die Pflanzen profitieren, da Photovoltaik-Anlagen bei hohen Temperaturen schlechter funktionieren. Daneben aber setzt die Schwammstadt vor allem auf natürliche Lösungen. So sollte der Boden zwischen den Gebäuden möglichst wenig versiegelt sein, damit die Niederschläge auf einer möglichst großen Fläche versickern können. Neigen Wege sich zu Mulden im Gelände hin, in die auch Dachrinnen führen, sammelt sich dort der Regen und dringt langsam in den Boden ein. Dazu kommen „Rigolen“ genannte unterirdische Speicher, die etwa mit Kies gefüllt sind. Sie können nicht nur viel Wasser aufnehmen, sondern oben auch mit verschiedenen Gewächsen und Bäumen bepflanzt werden, die in Trockenperioden vom Wasserspeicher unter ihren Wurzeln profitieren.

Natürlich kann das Regenwasser auch in kleine Seen und Teiche oder in Zisternen geleitet werden. Aus diesen Sammelbecken kann man dann den Garten bewässert oder die Toilette spülen. Droht ein längerer Starkregen, bewähren sich auch Sportplätze und Grünanlagen, die wenige Handbreit tiefergelegt sind. Wenn es wie aus Kübeln gießt, sind dort ohnehin keine Spaziergänger oder Sportler unterwegs. Stattdessen sammelt sich dort das Wasser, das sonst nicht schnell genug versickern kann. Bricht später die Sonne wieder durch die Wolken, kann auf solchen Flächen nach Versickern des Wassers bald wieder spaziert, gebolzt oder gegrillt werden.

Nach diesem Schwammstadt-Muster entstehen in Berlin nicht nur auf den Flächen des aufgelassenen Flughafens Tegel das Schumacher-Quartier mit Wohnraum für zehntausend Menschen, sondern auch andere Neubaugebiete. Und damit das Ziel des Senats, jedes Jahr auf ein Prozent weniger Fläche Regenwasser in die Kanalisation zu leiten, auch in Reichweite bleibt, hat die Stadt eine eigene „Regenwasseragentur“ gegründet, die Bauherren, Verwaltung und Bürger auf dem Weg zur Schwammstadt tatkräftig unterstützt.

Erschienen im Tagesspiegel am 17.11.2021