Arbeitswelten

Wenn dein Aktionärsarm es will

Verantwortliches Investieren kann viel Positives bewirken. Aber Nachhaltigkeit will in diesem Bereich gut überlegt sein. So ist es etwa sinnvoller, Firmen zu unterstützen, die sich in einem Transformationsprozess befinden – als solche, die sowieso schon dunkelgrün sind

Von Susanne Bergius

Wo Nachhaltigkeit drauf steht, muss Nachhaltigkeit drin sein. Das fordern Verbraucherschützer nicht nur von Nahrungsmitteln, sondern auch von nachhaltigen Geldanlagen.

Wenn das mal so einfach wäre. Schwarz oder weiß – die Welt ist viel komplexer als das. Allenthalben wird eine Definition von Nachhaltigkeit gefordert, viel wird darüber diskutiert. Doch trotz verschiedenster Versuche – auch von der EU – ist Nachhaltigkeit nicht allgemeingültig, geschweige denn abschließend definiert.

Das geht auch nicht. Zu verschieden sind die geographischen Gegebenheiten in der Welt: die natürlichen, geschichtlichen, kulturellen, ökonomischen, rechtlichen und religiösen. Entsprechend unterschiedlich sind die ökologischen, sozialen und gesellschaftlichen Erfordernisse und Bedürfnisse. Starre Messgrößen würden dem nicht gerecht.

Darum können und müssen Wege zur Nachhaltigkeit je nach Ort, Region und Staat verschieden sein. Auch wenn Menschen vielerorts darunter Wohlergehen und eine lebenswerte Umwelt für sich, ihre Kinder und Enkel verstehen, gibt es in jedem Land ein anderes Verständnis und andere Herangehensweisen. Atomkraft ist hierzulande tabu, für Franzosen und Chinesen aber aktiver Klimaschutz. Alpenländer setzen auf Wasserkraft, in Entwicklungsländern können Staudämme verheerend sein. Die Liste solcher Beispiele ist unendlich lang.

Auf die Frage, was Nachhaltigkeit ist und wie sie messbar ist, gibt es folglich mehrere richtige Antworten. Das gilt auch für Geldanlagen. Darum ist es für Anleger sinnvoll, zunächst für sich zu klären, welche Themen ihnen wichtig sind und welches Anlageziel: ein gutes Gewissen, eine direkte Wirkung, niedrigere Risiken oder die Chance auf eine breite Hebelwirkung?

Wer sein Geld guten Gewissens „dunkelgrün“ anlegen möchte, sollte auf umfassende ökologische und soziale Kriterien achten. Fonds kombinieren oft mehrere Anlagestrategien. Wichtige Hinweise, was zu beachten ist, gibt die Verbraucherzentrale auf www.geld-bewegt.de. Wer unmittelbare Wirkung erzielen will, kann schauen, ob ein Anlageprodukt einen „Impact“ anstrebt, also soziale oder ökologische Lösungen voranbringt. Es muss positive Wirkungen im Sinne von Artikel 9 der seit März geltenden EU-Offenlegungsverordnung SFDR nachweisen, sonst wäre das Angebot nicht seriös.

Anlagerisiken senken, das wollen tausende Produkte, neuerdings als Artikel-8-Produkte gemäß SFDR deklariert. Meist ist von „ESG-Integration“ die Rede. Hier beachten Portfoliomanager zentrale Umwelt- und Sozialaspekte und gute Organisationsführung (kurz: ESG) bei Anlageentscheidungen, um Risiken zu senken und Chancen auszuloten. Dies fällt unter verantwortliches Investieren, nicht zu verwechseln mit nachhaltigem Investieren.

„Je nach Ort, Region und
Staat sind die Wege verschieden“

Doch auch verantwortliches Investieren kann positiv wirken: Wenn Banken, Fondsgesellschaften und Vermögensverwalter ihre Kunden als aktive Aktionäre vertreten, können sie Unternehmen bewegen, Menschenrechte in Lieferketten zu achten, Arbeitsbedingungen zu verbessern, CO2-Emissionen zu senken und Umweltschäden zu vermeiden. Finanzhäuser können auf Hauptversammlungen das Rederecht nutzen, widerspenstigen Vorständen die Entlastung verweigern und Firmenleitungen im Dialog zu einer nachhaltigeren Unternehmensführung drängen – allein oder mit anderen Investoren.

Dieser wissenschaftlich bestätigte direkte Einfluss auf das Management kann mehr zur großen Transformation beitragen, als wenn sich Anlegende auf längst extrem nachhaltig arbeitende Firmen konzentrieren. Wer nicht bei heiklen, aber transformationswilligen Unternehmen investiert ist, kann dort auch keine Veränderung anstoßen. Diesen Mechanismus und das dadurch realisierbare Transformationspotenzial übergehen die Verbraucherzentralen oft, da sie ihr Augenmerk auf eher dunkelgrüne Investments legen. Ansonsten bieten sie nützliche Informationen zu nachhaltigen Geldanlagen und Banken.

Anlegerinnen und Anleger können Beraterinnen und Berater fragen, ob sie solches Engagement betreiben oder angebotene Fonds das tun. Denn Nachhaltigkeit ist kein Zustand, sondern ein Prozess des Suchens, Lernens und der Veränderung, um die Gesellschaft und das Wirtschaft ökologisch zukunftsfähig zu machen. Veränderung ergibt sich auch durch neue wissenschaftliche Erkenntnisse. Darum ist – anders als das so manche Verbraucherschützer oder Medien nahelegen – keine hundertprozentige Nachhaltigkeit möglich.

Vielfach sind Lösungen für Zielkonflikte zu finden. Selbst die 17 UN-Nachhaltigkeitsziele von 2015 enthalten massive Widersprüche. So stehen Wachstum (SDG 8) und Industrialisierung (SDG 9) dem Leben im Wasser und auf dem Land (SDG 14 und 15) diametral entgehen.

Finanzakteure fokussieren sich – wie Unternehmen – darum oft auf wenige UN-Ziele. Zwar liegt es nahe, in einzelne, grün erscheinende Themen zu investieren, etwa Wasser. Aber das kann negative Effekte haben. So kontrastiert Wasser für alle (SDG 6) mit Ernährungssicherheit (SDG 2). Die Auswirkungen beider auf das Leben an Land seien noch viel „krasser und zerstörerischer“, heißt es beim Club of Rome. Anlegende könnten Berater fragen, ob Geldanlagen solche Wechselwirkungen beachten und wie sie damit umgehen.

Wer sich selbst auf die Suche begibt, für den bietet das Forum Nachhaltige Geldanlagen (FNG) eine erste Orientierung mit Nachhaltigkeitsprofilen für Fonds und einer Matrix, in der sich Fonds nach Ausschlusskriterien und anderen Aspekten filtern lassen. Beispielsweise schließen derzeit rund 450 Produkte Anlagen aus, die die biologische Vielfalt schädigen – wohlgemerkt laut Angaben der Anbieter. Nur ein Teil davon trägt das jährlich vergebene FNG-Siegel. Es gilt als Qualitätslabel, weil die wissenschaftlichen Auditoren von der Universität Hamburg neben den Anlageprodukten auch die Anbieter nach zahlreichen Kriterien bewerten und in Stufen eingruppieren.

Erschienen im Tagesspiegel am 17.11.2021