Arbeitswelten

Unten beten, oben summen

Pestizide in der Landwirtschaft befördern das Artensterben. In Berlin aber stehen überall Bienenstöcke – auch auf einer Kirche

Von Alicia Prager

Der Honig schmeckt fruchtig süß, ist fast durchsichtig. „Das sind die Blüten, die gerade in Friedrichshain blühen“, erklärt der Imker Norman Linke die Kostprobe und steckt den Rahmen mit der Honigwabe vorsichtig in den Bienenstock zurück.

Hier, auf dem Dach der Auferstehungskirche, hat er zwei Kästen aufgestellt. Auf der einen Seite sieht man auf den Fernsehturm, auf der anderen das Frankfurter Tor.

Linke ist Teil der Initiative „Berlin summt!“. Sie hat an sieben Standorten Bienenkisten aufgestellt, neben der Auferstehungskirche unter anderem auf der Staatsoper und dem Berliner Dom. Die Bienenvölker sollen vor allem eines sein: Eine Erinnerung an die Artenvielfalt – und an ihr Verschwinden. Heute ist eines von zehn Bestäuberinsekten in Europa vom Aussterben bedroht, ein Drittel der Arten schrumpft. Das bringt unsere Lebensgrundlagen in Gefahr: Rund einer von drei Bissen unserer Nahrung wird von Bienen, Hummeln und Schmetterlingen mitproduziert. Gründe für ihr Verschwinden gibt es mehrere, etwa die wachsenden Ackerflächen und der Einsatz von Pestiziden.

„Die vielen Monokulturen auf dem Land sind wie grüne Wüsten“, sagt Linke und geht einige Meter von den Bienenstöcken weg, bevor er das Netz von seinem Imkerhut nach oben klappt. Der 33-Jährige muss vorsichtig sein: Er ist auf Bienenstiche allergisch – unpraktisch für einen Imker. Doch als er das erste Mal gestochen wurde und im Krankenhaus landete, hatte er sich bereits für die Imkerei entschieden. Und blieb dabei.

Heute hat er 25 Bienenvölker, die über die Stadt verteilt sind. In Lichtenberg sei die Frühtracht besonders ausgiebig, dafür gäbe es im Sommer weniger Blüten. Die Bienen auf der Staatsoper fänden immer Nektar, dafür sei es im Schnitt weniger als an anderen Standorten. Friedrichshain sei einer seiner besten Standorte, erzählt Linke. Auch jetzt über den Winter bleiben die zwei Bienenstöcke hier am Kirchendach stehe und ernähren sich von dem Honig, den sie in den vergangenen Monaten eingeflogen haben. Dazu hat Linke ihnen rund die Hälfte gelassen, etwa 30 Kilo pro Stock. Die andere Hälfte hat er verkauft.

In Berlin muss er dabei wenig Sorge haben, dass der Honig mit Pestiziden verschmutzt ist. Anders ist das für Imker:innen, die ihre Bienen in der Nähe von landwirtschaftlichen Flächen stehen haben. Heute finden sie dort sehr viel mehr Chemikalien: Während 2002 rund 34 000 Tonnen an Pestizid-Wirkstoffen verkauft wurden, waren es 2019 etwa 45 000 Tonnen. Das geht Hand in Hand mit der Intensivierung der Landwirtschaft und den stetig wachsenden Ackern.

Was hat das mit Bienen zu tun? Auf den Agrarflächen werden auch mehr Dünge- sowie Pflanzenschutzmittel eingesetzt – für bestäubende Insekten eine schlechte Nachricht. „Die Substanzen, die heute angewandt werden, sind oft giftiger als noch vor 20 Jahren“, sagt Anton Safer, der vor seinem Ruhestand an der Universität Heidelberg gearbeitet hat. Außerdem werde im Zulassungsverfahren neuer Mittel überwiegend darauf geachtet, wie viele Bienen tatsächlich sterben. Längerfristige Schäden würden kaum untersucht.

Für die Zulassungen verantwortlich ist die Europäische Lebensmittelbehörde EFSA. Sie erarbeitet jene Standards, die neue Substanzen erfüllen müssen. Ursprünglich hatte die EFSA empfohlen, die Tötungsrate bei sieben Prozent eines Volkes anzusetzen. Den EU-Mitgliedsstaaten war das zu niedrig, jetzt dürfte der neue Grenzwert bei zehn Prozent liegen. Und dabei geht es nur um die einzelnen Wirkstoffe selbst. „Oft wird übersehen, dass sich Wirk- und Hilfsstoffe gegenseitig verstärken können. Über solche Cocktail-Effekte auf den Feldern ist zu wenig bekannt“, warnt Safer. Ein Komplettverbot von Pflanzenschutzmitteln halte er zwar für fatal. Allerdings brauche es mehr Bewusstsein dafür, wann der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln nötig sei. „Ab und zu müssten wir eben auf Ernten verzichten und die Bauern entschädigen“, sagt er. Auch sei eine stärkere Diskussion über Alternativen nötig.

Doch gerade über Alternativen werde kaum gesprochen, sagt Safer– so zum Beispiel im Fall von Neonicotinoiden. Das ist eine Gruppe von Wirkstoffen, die direkt auf Nervensystem von Bienen wirkt. Ihr Flug verändert sich, ihre Kommunikation wird eingeschränkt, manchmal finden sie nicht mehr nach Hause. Bienen-Überdosis. Weil das Mittel in der Vergangenheit massive Bienensterben verursachte, verbot die EU das Neonicotinoid im Jahr 2018 in Freilandkulturen – zusammen mit zwei ähnlichen Substanzen.

Das heißt aber nicht, dass sie nicht mehr eingesetzt werden. Liegt eine akute Bedrohung für die Ernte vor, können Staaten für bis zu 120 Tage Notfallzulassungen erteilen. Allein in diesem Jahr gab es 25 solcher Zulassungen in Europa für die drei Substanzen– hierzulande vor allem, um die Zuckerrüben-Ernte zu retten.

Ob es solche Zulassungen braucht? Genau zu diesen Fragen will die Initiative „Berlin summt!“ Diskussionen anregen. Seit ihrem Start 2010 sei das Bewusstsein stark gestiegen, findet der Imker Linke. Die Rettet-die-Bienen-Bewegung habe sich weiterentwickelt, das Anliegen sei heute ein viel Breiteres. „Es geht nicht um die Honigbiene, sondern darum, dass mehr blühende Pflanzen angebaut werden und weniger Chemie eingesetzt wird“, so Linke. Seine Bienen, sie seien einfach Stellvertreterinnen für die vielen anderen Arten, deren Lebensräume nach und nach verschwinden.

— Die Recherche zu diesem Text wurde von journalismfund.eu unterstützt

Erschienen im Tagesspiegel am 17.11.2021