Arbeitswelten

Reich beschenkt

Vermögende, die ihre Kinder oder Enkel als Erben früh bedenken, können mit Nießbrauch auch bei Wertpapieren Steuer sparen

Von Christoph Jänsch

Die Vermögenswerte an die nachfolgende Generation weiterzugeben, kann sich lohnen. Man muss sich frühzeitig darum kümmern.

Nur so können Steuerfreibeträge bei Erbschaft und Schenkung bestmöglich ausgenutzt werden. Wer zum Beispiel ein gut gefülltes Wertpapierdepot besitzt, kann das noch zu Lebzeiten verschenken, ohne die Zügel komplett aus der Hand zu geben. Nießbrauch lautet das Stichwort.

Der Schenkende überträgt sein Depot an den Begünstigten, der damit neuer Eigentümer wird. Die Erträge, die das Depot abwirft, werden fortan abgeschöpft und gehen an den Schenkenden, auch Nießbraucher genannt. Gleichzeitig behalte der Nießbraucher die Entscheidungsgewalt über die Anlagen und mögliche Entnahmen, sagt Rechtsanwalt Jasper von Hoerner von der Rechtsanwaltsgesellschaft LKC.

Der Vorteil: Durch den Nießbrauch sinkt der zu versteuernde Vermögensanteil. Zusätzlich zu den sogenannten persönlichen Freibeträgen bei Erbschaft und Schenkung berücksichtigt das Finanzamt auch den Kapitalwert des Nießbrauchs. Das ist der Wert, den der Nießbrauch für den Nießbraucher hat, also in diesem Fall die Summe der zu erwartenden Depoterträge. Er hängt vom Alter des Schenkenden und von der angenommenen Jahresrendite des Depots ab. Je jünger der Schenkende zu Beginn des Nießbrauchs und je höher die durchschnittliche Wertentwicklung des Depots, desto höher der Kapitalwert und desto niedriger der zu versteuernde Restbetrag.

Der Vorteil lässt sich
einfach kalkulieren

Beispiel gefällig? Ein Vater, 50 Jahre alt, möchte seiner Tochter ein Wertpapierdepot mit einem Wert von einer Million Euro übertragen. Ohne Nießbrauchsdepot stehen der Tochter nur 400 000 Euro davon steuerfrei zu, die restlichen 600 000 Euro müsste sie gemäß ihres Schenkungsteuersatzes versteuern. Bleibt der Vater aber Nießbraucher, kommt auf den Freibetrag der Tochter noch der Kapitalwert des Nießbrauchs on top, der ebenfalls unversteuert bleibt. Bei einer angenommenen Jahresrendite von vier Prozent könnte der Vater so insgesamt einen Betrag von mehr als eine Million Euro, und damit das gesamte Depot, steuerfrei übertragen. Die Steuerersparnis: rund 90 000 Euro. Mit welcher Jahresrendite kalkuliert wird, hängt unter anderem von der Wertentwicklung des Depots in der Vergangenheit ab.

Wer in einem ersten Schritt grob ermitteln möchte, wie hoch seine maximale steuerfreie Schenkung sowie die Steuerersparnis mit einem Nießbrauchsdepot ausfällt, kann dafür zum Beispiel den Rechner des Deutschen Instituts für Altersvorsorge (DIA) nutzen. Aber wie überträgt man seine Wertpapiere in ein solches Nießbrauchsdepot? Jasper von Hoerner empfiehlt Schenkenden zunächst, einen Schenkungsvertrag aufzusetzen, um wichtige Details vertraglich festzuhalten. Zum Beispiel, welche Art von Erträgen zu welchem Zeitpunkt wem zufließen sollen. Oder welcher Vermögensverwalter in Zukunft beraten soll. Außerdem könne man im Schenkungsvertrag gewisse Widerrufsrechte festlegen– etwa um die schenkende Generation im Fall einer kostenintensiven Pflegesituation abzusichern, sagt der Rechtsanwalt. Tritt zum Beispiel eine kostenintensive Pflegesituation ein, die für Schenkende nicht abzusehen war, kann man vereinbaren, dass das Depot zurück an den Nießbraucher geht.

Schenkung kann auch
widerrufen werden

Haben beide Vertragspartner unterschrieben, ist der Vertrag mit Übergang des Depots gültig. Einen Notar braucht es nicht. Die Überführung des Wertpapierdepots in ein Nießbrauchdepot nimmt in der Regel die jeweilige Bank vor. Gegenüber dem Finanzamt muss noch angezeigt werden, welches Depot übertragen worden ist. Wichtig: „Die Erträge einfach im Depot zu belassen, wäre für Schenkende Steuerhinterziehung“, sagt Jasper von Hoerner. „Die Erträge müssen aus dem Dunstbereich des Beschenkten auf ein Depot des Nießbrauchers gehen.“ Andernfalls muss nachversteuert werden. Der Rechtsanwalt warnt deshalb, ein Depot zu komplex zu gestalten. Schon mit thesaurierenden Fonds, also Fonds, die ihre Gewinne reinvestieren, sei eine parallele Rechnung zu führen. Von Hoerner empfiehlt ausschüttende Titel.

Und welche Kosten kommen durch das Nießbrauchdepot auf mich zu? „Hier muss man ganz klar unterscheiden nach Kosten auf Bankebene und Rechtsanwalts- oder Steuerberaterebene“, sagt René Niemann von der V-Bank. Auf Bank- oder Vermögensverwalterseite ändere sich in der Regel nichts an den Kosten. Er empfiehlt aber für das Aufsetzen des Schenkungsvertrags aufgrund der Komplexität einen Steuerberater oder Rechtsanwalt zu konsultieren. Hier muss man mit Kosten von rund 1500 bis 3000 Euro zuzüglich Umsatzsteuer rechnen.

Verstirbt der Nießbraucher kurze Zeit nach Beginn des Nießbrauchsverhältnisses, kann der Freibetrag durch den Kapitalwert verfallen. Wann genau das der Fall ist, regelt Paragraf 14 des Bewertungsgesetzes und hängt vom Alter des Nießbrauchers ab. dpa

Erschienen im Tagesspiegel am 13.09.2022