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Arbeitswelten
Anzeigensonderveröffentlichung

Gute Zeiten für Wissensaustausch

Die Krise kann eine Chance für mehr Zusammenarbeit in der Bewältigung globaler Krisen sein, auch in den medizinischen Wissenschaften.

Text Ingo Schünemann

Der weltweite Lockdown Ende März war zunächst ein Ende internationaler Hilfsbereitschaft. Mit dem Schließen der Grenzen kam vorerst das Ende globaler Solidarität in der gesundheitlichen Zusammenarbeit gerade dann, als sie am stärksten gebraucht wurde.

China verschleiert mit seiner Informationspolitik bis heute, wie der Virus seinen Ausgang genommen hat, für Trump war COVID-19 ein ausländischer Virus, und die deutsche Bundesregierung verhängte Anfang März einen Exportstopp für Masken. Eine Geste, die sehr genau in den besonders hart betroffenen Ländern beobachtet wurde. Wenn dringend benötigte Hilfe nicht gewährt wird, dann wirkt eine beschworene Völkerfreundschaft nur ausgestellt. Menschen scheinen sich vor allem um jene zu kümmern, die ihnen nahestehen. Menschen sind „begrenzte Geschöpfe“, wie es der niederländische Philosoph Rutger Bregman ausdrückt. Und die Begrenztheit des kollektiven Mitgefühls scheint in den Umrissen der Nationalstaaten zu liegen – oder noch enger.

CREDIT iStock; Maartjeter Horst

„Eine globale Krise, die hilft, Partikularinteressen zu überwinden“

Rutger Bregman,
Philosoph, Historiker und Autor

In den ersten Wochen wurde weltweit von Politikern durch die Verfolgung nationaler Interessen viel Porzellan zerschlagen. Das unbekannte Wesen des Virus, die schnell heraufziehende potenzielle Pandemiekatastrophe haben die Politiker dazu gebracht, Verantwortung abzugeben. Es ist ihnen nicht zu verdenken, denn Politiker sind in der Regel keine Epidemiologen. Und was manchen als Zug politischer Inkompetenz erscheinen mag, kann in diesem Fall als Glücksgriff bezeichnet werden: Die Macht des Handelns ist in die Hände der Wissenschaft geraten, deren Verfasstheit auf einem grenzenlosen Wissensaustausch basiert. Und in dieser Pandemie waren schnell umgesetzte, globale Strategien gefragt. Aufgrund der zeitlichen Eile stellten die Forscher auf Preprint-Servern Daten und Analysen zu COVID-19 der weltweiten Wissenschaftsgemeinde zur Verfügung, vor der üblichen Veröffentlichung im Peer-Review-Verfahren. Dadurch wurden andere Wissenschaftler in die Lage versetzt, nicht bereits verifiziertes Datenmaterial zu nutzen, um die Forschung etwas um einen Impfstoff zu beschleunigen. Ein Zug, der nicht hoch genug eingeschätzt werden kann: Die Wissenschaften haben sich dem Risiko ausgesetzt, nicht valide, fehlerhafte Forschungsdaten zu veröffentlichen. Ein Beispiel aus Deutschland ist die Vorabveröffentlichung der Heinsberg-Studie durch den die Bonner Virologen Hendrik Streeck. Er musste auch von den Kollegen viel Kritik dafür einstecken, dass die Ergebnisse nicht ausgereift seien. Nötig aber war angesichts der Eile genau das: eine sich austauschende Wissenschaftsgemeinde, die am Allgemeinwohl interessiert ist.

Kinderforscherzentrum HELLEUM

Rutger Bregman sieht daher in dieser Krise eine Chance. Er sieht eine neue Ära eintreten, in denen die Praxis multilateraler Kooperation globale Gültigkeit erlangt. Die Coronazeit, so Bregman, würde in der Zukunft möglicherweise als ein Wendepunkt angesehen werden, als eine globale Krise, die hilft, Partikularinteressen zu überwinden. Es gibt Zeichen dafür, dass diese Vision bereits Wirklichkeit wird: Die UNESCO hat den Austausch zwischen den nationalen Wissenschaftsminister*innen, sofern von diesen gewünscht, in der Pandemie abgestimmt und einen Völkerrechtstext zur „Open Science“ formuliert. Auf der letzten Sitzung der Impfallianz GAVI, die armen Ländern den Zugang zu umfassenden Impfungen gewähren will, wurden von den 32 Geberländern so hohe Geldzusagen wie noch nie gegeben. Das globale Nachhaltigkeitsziel der WHO, Krankheiten wie Aids oder Malaria, an denen jährlich immer noch hunderttausende Menschen sterben, bis zum Jahr 2030 zu besiegen, scheint in greifbare Nähe gerückt zu sein. Und auch in der Wissenschaft wurde digitale Kommunikation in vielen neuen Formaten stärker denn je genutzt.


Experimentallabore der Kommunikation

Doch bei allem positiven Denken sollten die Augen nicht davor verschlossen werden, dass gerade jetzt Impfstoffe gegen COVID-19 nicht in einer einzigen gemeinschaftlichen Anstrengung produziert werden. Die WHO zählte Anfang September 176 Impfstoffprojekte. Die vielversprechendsten Forschungen werden von großen Pharmaunternehmen betrieben, vor allem in den USA, in Russland, China und der EU. Es ist illusorisch anzunehmen, dass die Unternehmen in Europa altruistischer handeln als jene in den USA oder China. Es geht um ein Wettrennen, an dessen Ende kaum vorstellbare Profite stehen. Dies muss nicht einmal ein bedauernswerter Zustand sein, denn ein funktionierender Wettbewerb führt zu besseren Ergebnissen. Aufgabe der Politik ist es aber, den fairen Wettbewerb sicherzustellen, und wo möglich, wissenschaftliche Kooperationen zu fördern, etwa durch die Vernetzung internationaler Exzellenzzentren, wie sie hierzulande vom DAAD vorangetrieben werden, oder in Berlin jüngst durch die Ausschreibung „Experimentallabore für die Wissenschaftskommunikation“. Die Ausschreibung richtet sich an Wissenschaftler der Berlin University Alliance und unterstützt die Entwicklung neuer Kommunikationsformate, die hochschulübergreifend für Verbundprojekte eingesetzt werden können. Die Wissenschaft setzt also auf Diskurs statt argumentativer Abschottung. Von dem Geist offener Wissenschaften können alle Stakeholder lernen, um gegenüber globalen Krisen besser gewappnet zu sein.Experimentallabore der Kommunikation.