Arbeitswelten

Gut gekühlt

Gas soll künftig vor allem flüssig nach Deutschland kommen. Dazu sind eigene Terminals nötig. Die sind jetzt im Bau – doch Umweltschützer warnen

Von Eva Augsten

Es ist verflüssigtes Gas – und doch kein Flüssiggas. Was da bald in großen Tankern aus dem Nahen Osten oder aus Übersee in Wilhelmshaven ankommen soll, heißt „Liquid Natural Gas“, kurz LNG.

Es handelt sich um nahezu reines Methan, den Hauptbestandteil von Erdgas, heruntergekühlt auf weniger als - 162 Grad Celsius. Der Begriff Flüssiggas bezeichnet hingegen ein Gasgemisch, das in Druckflaschen in Campingläden erhältlich ist.

Die LNG-Technologie ist nicht neu. Doch sie ist teurer und aufwändiger als der Transport von Erdgas per Pipeline. Die bestehenden LNG-Terminals in Europa waren in den vorigen Jahren nur zu etwa einem Drittel ausgelastet, der Energiekonzern Uniper legte 2020 ein Projekt in Wilhelmshaven auf Eis. Doch seit Russland die Ukraine angegriffen hat, will die Bundesregierung über den Erdgas-Transport per Schiff Flexibilität und Versorgungssicherheit sicherstellen. Der Bundestag hat im Mai deshalb eigens ein Gesetz zur Beschleunigung der LNG-Versorgung beschlossen.

Bevor aus Erdgas LNG werden kann, muss es gründlich gereinigt werden. Dann entzieht man dem Gas in mehreren Stufen Wärme, bis es kondensiert. Dabei schrumpft es auf ein 600stel des ursprünglichen Volumens. Erst so wird es möglich, große Energiemengen mit einem Tankschiff zu bewegen. Der Transport erfolgt in kugelförmigen Drucktanks mit Vakuumisolierung. So bleibt das Methan flüssig, ohne dass man es aktiv kühlen müsste. In speziellen Terminals wird die tiefkalte Flüssigkeit durch Leitungen in Tanks an Land gebracht. Damit daraus wieder ein Gas wird, muss man die vorher entzogene Wärme wieder zuführen. Die Verflüssigung und Regasifizierung zusammen verbrauchen etwa zehn bis 15 Prozent der Energie, die in dem Gas enthalten ist.

Im Mai 2022 waren in Europa laut dem Industrieverband „Zukunft Gas“ 41 LNG-Terminals in Betrieb, die bis zu 241 Milliarden Kubikmeter Gas umschlagen können. Von den rund 393 Milliarden Kubikmetern Erdgas, die 2020 in EU-Länder importiert wurden, machte LNG laut dem Branchenverband etwa ein Viertel aus. Es kam aus Katar und den USA (je sechs Prozent der insgesamt importierten Gasmenge), aus Russland (fünf Prozent), Nigeria (drei Prozent) und Algerien (zwei Prozent).

Weitere 32 Terminals sind europaweit in Planung, darunter auch Projekte in Deutschland. Um russisches Erdgas zu ersetzen, bräuchte man laut Kalkulation von Zukunft Gas mindestens drei Terminals in Deutschland. In Stade will das Konsortium Hanseatic Energy Hub spätestens 2026 ein LNG-Terminal mit einer Kapazität von gut 13 Milliarden Kubikmetern in Betrieb nehmen. In Brunsbüttel plant das Konsortium German LNG, jährlich acht bis zehn Milliarden Kubikmeter verflüssigtes Erdgas anzulanden. Wirtschaftlich möglich wird das mit Geld vom Staat: Die Kreditanstalt für Wiederaufbau will 50 Prozent der Kosten tragen. Rostock und Wilhelmshaven gelten ebenfalls als mögliche Standorte.

„Die Anlagen
sollen vorerst in Stade und
Brunsbüttel entstehen“

Den Bau dieser Terminals wollen die Umweltverbände wie der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland und die Deutsche Umwelthilfe (DUH) verhindern. Schließlich soll Deutschland bis 2045 klimaneutral werden. LNG verursacht zwar bei der Verbrennung gut ein Fünftel weniger CO2 als Öl und Diesel. Doch bei der Gewinnung und beim Transport entweicht immer eine gewisse Menge Methan, das 25 mal klimawirksamer ist als CO2. Das gilt laut den Umweltorganisationen umso mehr, wenn das Erdgas im unkonventionellen Fracking-Verfahren gefördert wird, wie in den USA und Kanada – Länder, denen die LNG-Terminals den Zugang zum europäischen Markt eröffnen.

Hinzu kommen lokale Auswirkungen des Terminalbaus: In Wilhelmshaven würde der Lärm beim Bau das Gehör der dort lebenden Schweinswale gefährden, warnt die deutsche Wildtierstiftung. In Brunsbüttel wollen Bürgerinitiativen verhindern, dass in der Nähe von Chemieanlagen, einem ehemaligen Atomkraftwerk und einer Sondermüll-Verbrennung noch ein weiterer Betrieb mit Störfall-Risiko entsteht.

Um vor einer kurzfristigen Unterbrechung der Gasversorgung zu schützen, würden die geplanten Terminals in Brunsbüttel und Stade ohnehin zu spät fertig. Die Bundesregierung hat daher vier Spezialschiffe unter Vertrag genommen, die als schwimmende Importterminals dienen sollen – sogenannte Floating Storage and Regasification Units, kurz FSRU. In Wilhelmshaven haben die Bauarbeiten für die Anbindung des ersten schwimmenden Terminals bereits begonnen. Noch vor dem Jahresende 2022 soll das Terminal bis zu 8,5 Prozent des deutschen Gasbedarfs decken können. Anfang 2023 soll ein weiteres FSRU in Brunsbüttel in Betrieb gehen. Die beiden anderen sollen im Winter 2023/24 folgen.

Damit könnten sich sogar Umweltverbände abfinden. „Die schwimmenden Terminals als kurzfristigen Ersatz für russisches Erdgas sind noch vorstellbar. Die geplanten fest installierten Anlagen sind dagegen völlig überdimensioniert“, sagt Sascha Müller-Kraenner, Bundesgeschäftsführer der DUH.

Regierung und Gasindustrie sehen in Klimaschutz und LNG keinen Widerspruch. Spätestens 2043 soll einfach „klimaneutraler Wasserstoff und dessen Derivate“ mit den Terminals importiert werden, heißt es. Dass grünes LNG in Solarkraftwerken in der Wüste hergestellt wird, ist allerdings unwahrscheinlich – das dafür nötige CO2 aus der Luft zu fangen, ist aufwändig. Als aussichtsreichster Energieträger für den Import per Schiff gilt derzeit grünes Ammoniak. Im Grunde könnte man die LNG-Tanks zwar darauf umrüsten, indem man Pumpen und Kompressoren austauscht. Da Ammoniak aber schon bei -33 Grad flüssig wird, sieht ein Bericht der LNG-Agentur Niedersachsen kaum Synergien zwischen den Technologien. Womöglich sah das auch der Energiekonzern Uniper so, der für Wilhelmshaven nun ein Ammoniak-Terminal und eine lokale Wasserstoff-Erzeugung mit Strom aus Offshore-Windkraft ankündigt.

Erschienen im Tagesspiegel am 21.06.2022