Arbeitswelten

Endlich tut sich etwas

Die Europäische Union will unabhängig werden von russischer Energie – und hat da im Mai einen „Repower“-Plan vorgestellt. Es muss schnell gehen

Von Florence Schulz

Der Krieg in der Ukraine hat dem Ausbau der erneuerbaren Energien in Europa einen unverhofften Schub verpasst. Die EU-Staaten möchten sich damit möglichst schnell unabhängig von Russland machen – Experten sehen darin ein Fenster der Möglichkeiten.

Es passiert ausgesprochen selten, dass eine Klima-NGO so lobende Töne anschlägt. „Die EU hat die Energiewende auf Turbolader gestellt und die Regierungen sind ernsthaft dabei, teure fossile Brennstoffe zu streichen“, summiert Pawel Czyzak, Analyst bei der britischen Organisation Ember. Sehr genau hat Czyzak sich mit dem energiepolitischen Geschehen seit Beginn des Ukraine-Krieges beschäftigt. Und tatsächlich, das zeigen die Daten eindeutig, kommt nun Bewegung in den Ökostrom-Ausbau in Europa. Angetrieben nicht nur durch den Klimaschutz, sondern diesmal durch Geopolitik und eine simple Kosten-Nutzen-Rechnung.

Das sieht nicht nur Ember so. Auch die Internationale Energieagentur kommt in ihrem jüngsten Erneuerbaren-Report zum Schluss, dass die Stromerzeugung aus Erneuerbaren in der EU schon bis 2023 so wachsen könnte, dass sie den Strom aus russischem Erdgas beinahe vollständig ersetzen würde.

„Wenn wir wirklich langfristig verhindern wollen, dass Putin sehr reich wird, müssen wir in erneuerbare Energien investieren, und zwar schnell“, sagte der Vizepräsident der EU-Kommission, Frans Timmermans, – und zwar einen Monat vor Beginn des Krieges. Seitdem ist tatsächlich einiges passiert. 19 Mitgliedsstaaten haben beschlossen, ihre Klimaziele zu erhöhen. Halten sie alle ihre Versprechungen ein, dürfte der Anteil erneuerbarer Energie im EU-Strommix bis 2030 bei 63 Prozent liegen, rechnet Ember – vor dem Krieg waren 55 Prozent anvisiert. Portugal, die Niederlande, Österreich und Dänemark wollen sich bereits im Jahr 2030 mit 100 Prozent Ökostrom versorgen.

Natürlich ist es nicht allein der Krieg, der den Stein ins Rollen gebracht hat. Schon zuvor haben die Mitgliedsstaaten große Erneuerbaren-Pläne für vorgelegt, vor allem im Bereich der bisher noch unterentwickelten Windenergie. In der Nordsee planen Deutschland, die Niederlande, Dänemark und Belgien, gewaltige Offshore-Windparks zu errichten. Die bislang vorhandene Windkapazität soll bis 2050 verzehnfacht werden – genug, um 230 Millionen Haushalte zu versorgen.

Doch Windparks zu bauen, dauert Jahre. Was es nun braucht, sind schnelle Lösungen, um sich von Russland energietechnisch unabhängig zu machen. Wie dringend diese Aufgabe ist, zeigte sich erneut vergangene Woche, als Gazprom binnen 24 Stunden seine Gaslieferungen nach Deutschland auf nur noch 40 Prozent der üblichen Liefermenge reduzierte.

Um der derzeitigen Energiekrise entgegenzuwirken, stellte die EU-Kommission im Mai ihren „Repower EU“-Plan vor. Es seht vor, die Staaten der Europäische Union innerhalb weniger Jahre vollständig von russischer Energie unabhängig zu machen. Bis Ende dieses Jahres möchte die EU die russische Gaszufuhr um zwei Drittel reduzieren, ebenfalls bis Ende 2022 soll bereits kein Öl mehr fließen. Ersetzt werden soll die Lücke durch den Import von Pipeline- und Flüssiggas, Wasserstoff und Biomethan – vor allem aber durch den noch schnelleren Zubau von erneuerbaren Energien. Bis 2030 soll die EU 69 Prozent ihres Stroms aus erneuerbaren Quellen erzeugen, hofft die Kommission.

Dafür hat sie zum einen angekündigt, ihre Erneuerbare-Energien-Richtlinie, die ohnehin gerade im Revisionsprozess ist, aufzustocken. Die Richtlinie gibt einen gesetzlichen Mindestanteil an Grünstrom im Endenergieverbrauch der EU vor. Zudem soll es erstmals verpflichtende Ökostromquoten für die Industrie und den Gebäudesektor geben. „Sehr ehrgeizig, aber erreichbar“ seien diese neuen Ziele, befindet der zuständige Berichterstatter des EU-Parlaments, Markus Pieper.

Dabei setzt die Kommission vor allem auf die Solarenergie, weil sich diese relativ schnell ausbauen lässt. Eine „EU-Solarstrategie“ soll die installierte Photovoltaik-Leistung bis 2030 im Vergleich zu heute vervierfachen. Dazu soll ab 2026 eine Solarpflicht für neue öffentliche und gewerbliche Bauten ab einer bestimmten Größe gelten, ab 2027 für entsprechende Bestandsgebäude und ab 2029 auch für Wohnhäuser.

Um aus der Offensive kein EU-Förderprogramm für die chinesische Wirtschaft zu machen, wo derzeit der Großteil der Solarzellen produziert wird, soll eine europäische Solarindustrie-Allianz die Produktion innerhalb der Europäischen Union sichern. Auch die in vielen Ländern quälend langsamen Genehmigungsverfahren sollen ordentlich gestrafft werden. Statt derzeit im Schnitt acht Jahre, soll eine Windanlage in Zukunft nach allerhöchstens zwei Jahren grünes Licht bekommen.

Vorschreiben kann die EU den Mitgliedsstaaten diese Pläne nicht, denn ihre Energiepolitik bestimmen sie selber. Und kurzfristig kommen die meisten – dazu gehört auch Deutschland – ohnehin nicht darum herum, entstehende Energielücken durch Kohle und Gas aus anderen Staaten zu ersetzen. Längerfristig muss der Fokus aber auch den Erneuerbaren liegen, dem haben sich alle EU-Staaten verschrieben.

Selbstverständlich ist das nicht. Viele Staaten bauen derzeit ihre fossile Energiestruktur aus, um der Energiekrise zu begegnen. Entsprechend stagniert der Anteil der erneuerbaren Energien weltweit, wie eine Studie der Organisation Ren21 vergangene Woche zeigte. Denn trotz eines Rekordzuwachses an erneuerbaren Stromkapazitäten werden diese vom erneuten Anstieg der Nutzung fossiler Brennstoffe übertroffen.

Erschienen im Tagesspiegel am 21.06.2022