Arbeitswelten

Die Macht der edlen Taten

Im alten Ägypten sollten sie Götter und Tote milde stimmen, im Mittelalter das Seelenheil bringen. Heute können Stiftungen Politik und Gesellschaft verändern. Worin liegt ihre Weisheit? Eine Zeitreise

Von Michael Borgolte

Bill und Melinda Gates haben sich entschieden. Ihr riesiges Vermögen, das sie durch technologische Erfindungen und überragenden Geschäftssinn zusammengebracht haben, wollen sie nicht ihren drei Kindern vererben, sondern einer Stiftung auf ihren Namen zuführen.

Der „Bill & Melinda Gates Foundation“, die sie auch nach der Scheidung selbst leiten, sind inzwischen angeblich mehr als 36 Milliarden Dollar zugeflossen, und nach Bills Plan sollen bis zu seinem Tod 95 Prozent des gesamten Besitzes an die gemeinsame Stiftung gehen.

In der Tradition der großen philanthropischen Stiftungen der Vereinigten Staaten liegen die Stiftungszwecke in der Gesundheitsvorsorge beziehungsweise Bekämpfung von Krankheiten (unter anderem Malaria, Kinderlähmung, Aids, Covid-19), im Kampf gegen die Armut sowie für Bildung und Wissenschaft. Das Konzept einer Stiftung zu Lebzeiten geht offensichtlich auf die Maxime Andrew Carnegies zurück, eines erfolgreichen Stahlunternehmers und großen Stifters der vorvorigen Jahrhundertwende.

In einer programmatischen Denkschrift von 1889 hatte Carnegie kategorisch erklärt: „Der Mann, der reich stirbt, stirbt in Schande.“ Auch wenn er diesem selbstgestellten Anspruch nicht voll gerecht wurde, gründete er zahlreiche Stiftungen, darunter über 2500 Bibliotheken, die seinen Namen tragen; seiner 1910 geschaffenen „Carnegie Corporation of New York“ stand er bis zu seinem Tod 1919 als Präsident vor.

Im großen Stil. Andrew Carnegie (hier mit seiner Frau Louise) förderte Bibliotheken, Wissenschaft und den internationalen Frieden.
Im großen Stil. Andrew Carnegie (hier mit seiner Frau Louise) förderte Bibliotheken, Wissenschaft und den internationalen Frieden. Foto: Imago/Buyenlarge/UIG

Wie das Ex-Ehepaar Gates in unserer Zeit wollte Carnegie das Werk, mit dem er sein Vermögen gemacht hatte, offenbar nicht Erben überlassen, die es zwar vermehren, aber auch verschleudern könnten; alle drei entschieden sich dafür, ihre vorhergehende Tätigkeit zur Gewinnmaximierung gegen ein Wirken mit Kapitalerträgen für öffentliche Aufgaben einzutauschen. Carnegies einzige Tochter Margaret folgte ihrem Vater in dieser Funktion als Treuhänderin der New Yorker Stiftung. Ob dergleichen die Kinder von Bill und Melinda Gates, geboren zwischen 1996 und 2002, anstreben, ist nicht bekannt. Sie sollen beim Tod ihrer Eltern zwar nicht wirklich leer ausgehen (die Rede ist von 0,02 Prozent des Vermögens für jedes Kind), aber offenbar zu eigener Arbeit motiviert werden, um sich den gewohnten Lebensstandard zu erhalten.

Stifterinnen und Stifter wie Carnegie oder die Gates transformieren also durch ihre Stiftungen die Arbeit, durch die sie ihr Vermögen erworben haben, zu einem philanthropischen Werk, das zu Lasten ihrer Erben geht. Ähnlich verhält es sich mit testamentarisch errichteten Stiftungen „von Todes wegen“, nur dass hier die Stifter nicht mehr selbst tätig werden, sondern die Ausführung ihres Willens den Vorständen der Stiftung überlassen. Die einen wie die anderen Stiftungen sind selbstbezogen und sollen den Namen und Ruhm der Stifter:innen verbreiten und bewahren.

Kritiker des Stiftungswesens haben an dieser Egozentrik Anstoß genommen und die Lauterkeit der philanthropischen Motivation infrage gestellt. Kein Geringerer als Immanuel Kant äußerte sich scharf: Mochte der Stifter auch „gutmütig“ sein, so gehe es ihm doch um seine Ehre; er unterwerfe andere seinen Anweisungen um seiner Unsterblichkeit willen (1797). Der moralisierende Philosoph urteilte hier allerdings ohne historische Einsicht und humane Besonnenheit. Denn die unbestreitbare Selbstbezogenheit der Stifter erweist sich in geschichtlicher Betrachtung als notwendiges Element in einem Geflecht von Motiven.

Die Erfindung einer unsterblichen Idee

Die Weltgeschichte kennt keine Gesetze ohne Widerspruch, bietet aber doch Erfahrungen, die sich verallgemeinern lassen. Zahlreiche Varianten beiseitegelassen, werden bei einer Stiftung die Erträge eines unangreifbaren Kapitals zur Sicherung eines bestimmten Zwecks auf Dauer eingesetzt. Keineswegs haben alle Kulturen zu allen Zeiten Stiftungen hervorgebracht. Dazu musste es Gesellschaften mit Privatbesitz und einer Wirtschaft geben, die Überschüsse oder Mehrwert produzierte. Denn für Stiftungen mussten ja Güter vorhanden sein, die für das tägliche Leben entbehrt werden konnten, und eine gewisse rechtliche Liberalität herrschen.

Die ersten Stiftungen überhaupt sind in Ägypten und Mesopotamien belegt und waren den Göttern oder Ahnen gewidmet. Die Götter sollten durch regelmäßige Gaben, wie sie Stiftungen ermöglichten, „gespeist“ werden, um die Welt zu erhalten; in der Welt als Kosmos hatten Götter und Menschen, Lebende und Tote ihren Platz, sie blieb nur durch das Zusammenwirken aller funktionsfähig. Opfergaben für die Ahnen oder Toten auf der Basis von Stiftungen sollten diese im Totenreich versorgen und den Lebenden gewogen stimmen. Im Totenmahl am Grabe wurde ihre Zugehörigkeit zur menschlichen Gesellschaft aktualisiert.

Monumente der archaischen Stiftungen sind etwa die Pyramiden für die Pharaonen oder die Reste des Sonnentempels der Inka in Cuzco (Peru). Auch in China sowie im Alten Griechenland und vorchristlichen Rom bildeten Götter- und Totenstiftungen die Urtypen der Stiftungen.

Kritiker zweifelten an
der Lauterkeit der Motive

Die dritte Art von Stiftungen, die erst seit Mitte des ersten vorchristlichen Jahrtausends aufkam, kann als „Stiftungen für die Menschen“ bezeichnet werden. Hier wandten und wenden Stifterinnen und Stifter ihr Vermögen auf, um ihr Nachleben zu sichern.

Die Voraussetzung für diesen Stiftungstyp war der Verlust der Vorstellung vom Kosmos als gemeinsamer Welt von Göttern und Menschen, Lebenden und Toten. Jetzt wurde ein Diesseits von einem Jenseits unterschieden; die Menschen mussten sich um ihr postmortales Dasein sorgen und dafür Leistungen erbringen. Diese konnten in Stiftungen zugunsten Bedürftiger bestehen.

Von „Stiftungen für die Menschen“ sollten also beide Seiten profitieren, die Stifterinnen und Stifter ebenso, wie die von ihrer Stiftung Begünstigten. In Indien wurden etwa Brahmanenpriester und buddhistische Mönche durch Stiftungen unterhalten, während die ihnen zugewandten guten Werke den Stiftern die Aussicht auf das höchste Glück eröffnete, das hier in der völligen Auslöschung ihrer Person bestand.

In den vorderasiatischen Erlösungsreligionen, wie im Christentum und Islam, galt das Seelenheil oder die Nähe zu Gott, also eine gesteigerte Lebensweise im Jenseits, als Gegengabe. Mönche und Nonnen konnten im lateinischen Christentum mit ihren Gebeten dazu verhelfen, dass die Seele der Verstorbenen aus dem Fegefeuer freikam und in den Himmel aufstieg. Die auf der Stiftung basierende Dauer der Wohltat für Bedürftige und Beter war entscheidend, da Unklarheit darüber herrschte, wann das Ziel des jenseitigen Glücks für den Stifter erreicht sein würde.

Bei den „Stiftungen für die Menschen“ hatte sich der Einzelne als Subjekt und Individuum entdeckt, das für sein eigenes postmortales Schicksal verantwortlich war. Zugleich änderte sich das Verhältnis zu den Mitlebenden. Ins Zentrum des spirituellen Lebens rückte die Moral: Um Gott oder dem Nirvana oder dergleichen zu begegnen, musste man ein Leben im Zeichen des Mitgefühls führen.

Moderne Wohltäter. Ex-Ehepartner Billl Gates und Melinda French Gates wollen fast ihr komplettes Vermögen spenden.
Moderne Wohltäter. Ex-Ehepartner Billl Gates und Melinda French Gates wollen fast ihr komplettes Vermögen spenden. Foto: Imago/Xinhua

Nicht alle Kulturen des Altertums haben aber diese Änderung mitvollzogen. Im alten Rom waren etwa die Alimentarstiftungen zugunsten bedürftiger Kinder nur ein Ausdruck von standesgemäßem Verhalten. Die karitativen Stiftungen der Christen, denen gleichartige Werke im Islam am meisten ähnelten, waren späte Manifestationen der wohltätigen Stiftungen im alten Orient, besonders wiederum in Ägypten und in der persischen Religion des Zoroastrismus.

Das Judentum ging, jedenfalls in den Jahrhunderten des Mittelalters, andere Wege bei Stiftungen und Sozialfürsorge. Die philanthropischen Stiftungen in Amerika wollen als junge Variante der Stiftungen dieser Art nicht so sehr der Not des Einzelnen abhelfen als deren Ursachen bekämpfen.

Grenzen der Stiftungskritik

Kant war nicht der einzige Kritiker des Stiftungswesens – Einwände und Vorbehalte durchziehen dessen ganze Geschichte. Im westlichen Europa haben die Theologen der Reformation das Motiv der guten Werke zur Erlangung des Seelenheils verworfen, in der Epoche der Aufklärung die Intellektuellen an der Beschränkung staatlicher Handlungsfähigkeit durch private Stifter Anstoß genommen. Gegenwärtig können Megastiftungen wie von Gates, Carnegie, Rockefeller oder Soros sogar mit ihrer finanziellen Macht soziale Veränderungen steuern, die von keiner demokratischen Institution kontrolliert werden.

Als besonders problematisch gilt die Unveränderlichkeit der Zwecke. Tatsächlich lässt sich kaum bestreiten, dass der einmal fixierte Stifterwille vom historischen Wandel überholt werden kann. Deshalb haben zurzeit begrenzte Stiftungen Konjunktur, die ihr Kapital verbrauchen und nach einer langjährigen Frist und Wirksamkeit aufgelöst werden oder ihre Zwecksetzung soweit fassen, dass die Stiftungsorgane weitgehend freie Hand haben.

Mit solchen Modifikationen wird der Stifterwille geschwächt und das Motiv eines dauernden Andenkens infrage gestellt. Dieser Effekt ist problematisch, denn die Weisheit der Stiftungen lag bis zur Moderne darin, das Eigeninteresse der Stifter und Stifterinnen zugunsten der Hilfe für andere Menschen nutzbar zu machen. Wo zu viel Altruismus erwartet wird, droht dem Stiftungswesen der Kollaps. Vielleicht müssen Stiftungen nicht unbedingt „auf ewig“ konzipiert sein, zumal nur die wenigsten Stifter noch die Förderung ihres Seelenheils von der dauernden Fürbitte der Begünstigten erwarten. Aber das Gedenken an die Person und ihre edle Tat sollte doch ihren Tod wenigstens eine Generation überdauern.

Zur Person

Michael Borgolte
Michael Borgolte Foto: privat

Michael Borgolte ist Mediävist und lehrte bis 2016 rund 25 Jahre lang als Professor für Mittelalterliche Geschichte an der Humboldt-Universität Berlin. 2018 schrieb er das Standardwerk „Weltgeschichte als Stiftungsgeschichte“ (Theiss Verlag). Zusammen mit seiner Frau gründete der Historiker eine eigene Stiftung: die Michael-und-Claudia-Borgolte-Stiftung zur Förderung der Geschichtswissenschaften. Tsp

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Eine große Mehrheit der Menschen findet einer Umfrage zufolge, dass Reiche mehr von ihrem Vermögen abgeben müssten. Die Bertelsmann-Stiftung verwies auf eine repräsentative Umfrage zum Gerechtigkeitsempfinden in Deutschland. Die Ergebnisse zeigten einerseits, dass der Wunsch nach einem Ausgleich groß ist. So seien 75 Prozent der Befragten für die Verringerung des Unterschieds zwischen Arm und Reich. Andererseits seien aber nur 37 Prozent bereit, dafür selbst höhere Steuern zu zahlen. Wer weniger verdient, ist den Angaben zufolge eher bereit, etwas abzugeben, als jene, die über mehr Geld verfügen.

Die Befragung zeigt zudem, dass 62 Prozent davon ausgehen, dass Reichtum in Deutschland vom Glück beziehungsweise dem Elternhaus abhängt. epd

Erschienen im Tagesspiegel am 13.09.2022