Arbeitswelten

Auf der grünen Welle durch die Stadt

Digitale Projekte wollen den Radverkehr schneller und sicherer machen. Hamburg geht voran: Dort wurde jetzt die App „PrioBike-HH“ vorgestellt

Von Caspar Schwietering

Nie mehr absteigen an der Kreuzung: Davon träumen wohl viele Radler. Im Stadtverkehr nervt sie kaum etwas mehr als rote Ampeln.

Da hat man mit eigener Muskelkraft das Rad auf Geschwindigkeit gebracht, will die Energie halten und wird dann von einem Lichtsignal jäh ausgebremst. Mit einer App will Hamburg Radfahrenden nun eine Grüne Welle bescheren. Die Nutzer:innen installieren dafür ihr Handy am Lenker und bekommen auf dem Display angezeigt, ob sie schneller oder langsamer fahren oder die Geschwindigkeit halten müssen, um die nächste Ampel bei Grün zu erreichen.

PrioBike-HH heißt das Projekt. „Radfahren soll komfortabler und Reisezeiten verkürzt werden, erklärt Sebastian Troch, der in der Hamburger Verkehrsbehörde das Referat für Intelligente Transportsysteme und Datenmanagement leitet. Damit wolle man auch Wertschätzung für Radfahrende ausdrücken. „Das Signal: Es ist uns wichtig, dass Radfahrende sicherer, schneller und komfortabler in der Stadt unterwegs sein können.“

Damit PrioBike funktioniert, wird Hamburg in den nächsten Jahren 1500 Ampeln vernetzen. Derzeit läuft eine Testphase, dafür hat die Stadt drei smarte Kreuzungen geschaffen. Die App, die die Verkehrsbehörde mit der TU Dresden entwickelt, soll 2022 in einer Betaversion für Testnutzer:innen starten. Dann will Sebastian Troch bereits 800 Kreuzungen umgerüstet haben. Der reguläre Start der App ist für Herbst 2023 geplant. Laut Plan werden dann der Großteil der Hamburger Ampeln mit der PrioBike-App interagieren können.

Radfahrende sollen aber auch ohne App von dem Projekt profitieren. An wichtigen Kreuzungen will Sebastian Troch Informationsstelen oder kleine Lampen auf der Straße installieren. Sie zeigen Radfahrenden, ob sie auf die nächste Ampel langsam zurollen können oder besser ein bisschen reintreten, um diese bei Grün zu erreichen.

An Kreuzungen mit viel Radverkehr lässt Troch zudem die Ampelschaltung ans Tempo der Radfahrenden anpassen. 90 Ampeln hat Hamburg dafür in den letzten Jahren mit Wärmebildkameras ausgestattet, die die Verkehrsströme messen. Es gebe im Sommer Knotenpunkte mit nachweislich mehr Rad- als Autoverkehr, erklärt Troch. „Wir priorisieren das Verkehrsmittel, das mehr unterwegs ist. Das ist keine ideologische Entscheidung, sondern erfolgt faktenbasiert“, betont er. Als nächsten Schritt kann er sich vorstellen, Vorrangschaltungen einzurichten, wenn gerade besonders viele Radfahrende auf Kreuzungen zurollen.

PrioBike soll so dazu beitragen, dass die Hamburger 2030 ein Viertel aller Wege mit dem Rad zurücklegen – ein ambitioniertes Ziel. 2017 lag der Anteil nur bei 15 Prozent. In der Zielgruppe stößt der Senat damit allerdings mitunter noch auf Skepsis. Als im Oktober der ITS Weltkongress, die weltgrößte Messe für vernetzte Mobilität, in Hamburg stattfand, zeigte der Hamburger ADFC wenig Zuneigung für das Projekt. Der Senat solle lieber den Radwegeausbau schneller vorantreiben.

Er habe den Eindruck, dass das Potenzial der digitalen Vernetzung oft noch unterschätzt werde, meint Sebastian Troch. Natürlich sei der Bau von neuen und sicheren Radwegen entscheidend. Und da passiere in Hamburg auch viel – etwa mit Velorouten und Radschnellwegen. Doch letztendlich bringe nur der Mix vieler Maßnahmen den Radverkehr voran „und die Digitalisierung kann dabei ihren Beitrag leisten“, sagt Troch.

Andere Städte arbeiten ebenfalls daran, dem Radverkehr digital den Weg frei zu machen. So nutzen Marburg und Reutlingen die „SiBike“-App von Siemens, mit der sich Radfahrende Ampeln vorrangig Grün schalten lassen können. Doch bisher sind dies meist Pilotversuche. Mit PrioBike versucht Hamburg nun erstmals eine flächendeckende Umsetzung.

Sebastian Troch will damit auch die Sicherheit für Radfahrende erhöhen. „An bestimmten Unfallschwerpunkten werden wir Autofahrern signalisieren, wenn Radfahrende in die Kreuzung reinfahren“, sagt Troch. „Wir denken dabei etwa über eine rote Lichtprojektion für Rechtsabbieger nach, die von oben auf die Kreuzung projiziert wird.“ Auch Autozulieferer Continental will mit digitaler Vernetzung Radfahrende und Fußgänger:innen besser vor Unfällen mit Autos schützen. Auf dem ITS Weltkongress hat das Unternehmen sein Programm „Digital Guardian Angel“ vorgestellt, das im Hintergrund populärer Navigationsapps wie etwa Google Maps laufen soll.

Das Grundprinzip des „digitalen Schutzengels“ ist einfach: Das Programm sendet an einen Cloudcomputer per Mobilfunk fortwährend den Standpunkt und die Geschwindigkeit, mit der eine Radfahrerin oder ein Fußgänger unterwegs ist. Erkennt das Programm, dass Kollision mit einem Auto droht, werden sowohl dessen Fahrer als auch der gefährdete Fußgänger oder Radfahrer gewarnt. Dieses Programm könnte zukünftig in die PrioBike-App integriert werden.

Und auch Fahrräder selbst sind zunehmend digital vernetzt. So bietet der Technologiekonzern Bosch, der auch Komponenten für E-Bikes herstellt, immer mehr digitale Assistenzsysteme für Fahrräder an. Bosch hat etwa einen intelligenten Algorithmus entwickelt, der Stürze erkennt und automatisch einen Notruf absendet. Fahrradherstellern sei das Thema Sicherheit zunehmend wichtig – „auch, weil es ihren Kund:innen wichtig ist“, sagt Claus Fleischer, Geschäftsleiter von Bosch eBike Systems. Künftig sollen E-Bikes mit Bosch-Technik deshalb auch Autos warnen, wenn sie sich im toten Winkel nähern. „Unfälle beim Abbiegen können dadurch vermieden werden“, sagt Fleischer. Damit wolle Bosch einen Beitrag zur „Vision Zero“ leisten. Im Blindfeld von Autofahrer:innen soll in Zukunft Technik schwere Unfälle mit Verkehrstoten verhindern.

Erschienen im Tagesspiegel am 17.11.2021